Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

It’s the difference that makes the difference

#12 2013 / Maurice Kumar

Wer in Tirols Ausgehlandschaft Techno hören will, hat auf den ersten Blick eine große Auswahl. Clubs und Bars laden beinahe täglich zum Feiern ein. Zahlreiche VeranstalterInnen und Kollektive bewerben wöchentlich Partys. Doch auf den zweiten Blick ist es viel vom Gleichen und wenig Besonderes, was da geboten wird. Ein paar Gedanken von einem, der sich schon lange dem Techno verschrieben hat, mit einem Rückblick und dem Hoffen auf den richtigen Techno im falschen.

Jeff Mills, einer der Godfather einer ganzen Technogeneration, spielte die Ravehymne The Bells beim Heart of Noise Festival im Juni. Für viele Soundveteranen war das wohl ein einzigartiger Moment in Innsbruck, aber auch eine Reise in ein vergangenes Technozeitalter. Die Musik von Mills, deren Ursprung im Detroit Techno zu finden ist, markiert wie kein anderer postindustrieller Sound den Übergang vom fordistischen zum digitalen Kapitalismus. Denn die einstigen Arbeiterzentren wurden zum Mekka des damals neuen Sounds. Eine junge Bewegung wurde zum Sinnbild der untergehenden
Detroiter Automobilwirtschaft. Von dort aus hat sich die einst schwarze Subkultur über die westliche Welt verbreitet und erreichte sogar Provinzstädte wie Innsbruck. So kann man auch hierzulande auf eine lange Geschichte zurückblicken, die sich in den Jahren unterschiedlich ausdifferenzierte. Die Szene war geprägt von einzelnen Partys, wo regelmäßige Locations die Ausnahme waren. Damalige Besonderheiten waren Tunnelraves im Unterland, Partys im Gewölbe der Innsbrucker Autobahn sowie größere Veranstaltungen im späteren Hafen.

Feiern wie ein wiederkehrender Loop

Der Techno der 90er-Jahre wurde im neuen Jahrtausend abgelöst von einem einkehrenden Minimalismus. Die Musik war gekennzeichnet durch vereinfachte Strukturen und reduzierten Sound, der auf Wiederholung ausgerichtet ist. Eine neue Feierkultur schaffte es raus aus den urbanen Nischen rein in die Clubs. Techno eignete sich in den folgenden Jahren Stück für Stück das Innsbrucker Nachtleben an. Die Institutionalisierung von Techno erkennt man daran, dass es fast keine Bars und Clubs gibt, die nicht auf diesen Sound samt seiner unterschiedlichen Spielarten setzen. Eine Folge davon ist, dass es noch nie zuvor in Innsbruck so viele Orte gegeben hat, wo interessierte Menschen regelmäßig dem Techno frönen können. Jeder Ort mit einem Laptop im Regal versteht sich schon als Club. Die gleiche Musik wird mehrmals die Woche von den denselben DJs rauf und runter gespielt wird. Durchdachte Sets mit Aufbau und einer guten Auswahl von Songs sind schwer zu finden. Oft stehen Trinkaktionen im Vordergrund. Letztere könnte man als Indiz dafür sehen, dass wegen der Musik alleine sowieso keiner kommt. Es scheint, dass sich in den Partys elektronischer Musik Einfallslosigkeit und
Gleichgültigkeit vieler OrganisatorInnen widerspiegelt. Das Gleiche bestimmt, Experimente abseits des Üblichen funktionieren wohl für die Kassen nicht.

Techno abseits des Üblichen

Die Versuche einzelner engagierter VeranstalterInnen, sich nicht dem Diktat der Masse zu beugen, sind spärlich, aber es gibt sie. Doch bilden Veranstaltungen abseits von „Namedropping“, DJs, die vielfach gebucht werden, und Partyreihen, die mit sämtlichen Jahreszeiten im Namen auftrumpfen, eher die Ausnahme. Einer der wohl eindrucksvollsten Ausreißer war die monatliche Veranstaltungsserie Alien Explorer von den DJs Meister und John E. Flash. Diese versuchten nicht nur am Puls der Zeit zu sein, sie waren es. Es spielten Apparat, Jamie Lidell und Pantha du Prince auf ihren Partys, lange bevor sie groß rausgekommen sind. Genres wurden in ihrer Vielfalt beleuchtet und ließen so Platz für Nischen und Experimentelles. Leider scheint es, dass die Nachfolgerreihe von DJ Meister the revolution ist over and we have won nicht diese Zustimmung findet wie ihr Vorgänger, trotz Soundperlen wie Mika Vainio und Stefan Goldmann. Ein ebenfalls gelungener, aber kurzer Versuch war die Reihe Aber Hallo von den gut vernetzten Tyrolean Dynamite. Mit Ausnahme des Superstars Dominik Eulberg zeichnete sich ihre Ausrichtung durch überlegte Bookings aus. Robag Wruhme und aufsteigende Acts wie Coma spielten dort bereits vor Jahren. Jedoch sind alle diese Veranstaltungen Beispiele aus der Vergangenheit. In der Gegenwart orientieren sich die Clubs vor Ort meist an alt bewährten DJs und bekannten Namen. Aus der jüngeren Zeit ist das diesjährige Heart of Noise als Ausreißer zu erwähnen. Advantgardistisch, ohne elitär zu sein, schaffte es das Festival, eine Reise in die Vielfalt von Techno zu machen.

What else?
Im Rausch des Abends ist für die meisten Ausgehfreudigen nicht das Entscheidende, welcher DJ spielt, ob mit Vinyl oder Traktor aufgelegt wird, wie und auf welchem
Label ein Song produziert wird. Der unterhaltsame Abend steht im Vordergrund. Doch als langjähriger Besucher der lokalen Szene hofft man schon auf Partys, die nicht beim schick gestalteten Flyer enden. Die Auswahl der DJs sollte Platz für Neues ermöglichen, zur Abwechslung auch mit der männlichen Dominanz bei den auftretenden KünstlerInnen brechen und sich der ganzen Vielfalt von Techno widmen. Eine qualitative Veranstaltung bedeutet, sich nicht am Standard zu orientieren, sondern ein Stück Soundkultur zu vermitteln. Dadurch soll ermöglicht werden, etwas Besonderes zu entdecken, das wieder Lust auf mehr macht und auch Platz für hedonistisches Feiern lässt.