Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Warteräume

#12 2013 / Simon Welebil

Flüchtlinge in Tirol müssen oft jahrelang in Flüchtlingsheimen ausharren, bis über ihre Asylanträge entschieden wird. Ein künstlerisch-dokumentarisches Projekt setzt sich jetzt mit ihrer Wartesituation auseinander.

Ein ehemaliges Gasthaus in Götzens, eine aufgelassene Kaserne in Imst, ein Wohncontainer in Schwaz. Auf den ersten Blick haben die drei Objekte nicht viel gemein, aber sie haben denselben Zweck: Es sind Unterkünfte für AsylwerberInnen, wie es sie in derzeit 18 Orten in Tirol gibt. Obwohl in der Politik und in den Medien ständig diskutiert wird, wie viele AsylwerberInnen man aufnimmt und wo man sie unterbringt, weiß kaum jemand über ihre konkrete Wohnsituation Bescheid. Robert Gander und Günter Richard Wett wollen das ändern. Seit 2012 sind sie mit einem künstlerisch-dokumentarischen Projekt auf Spurensuche. Nach der Funktion der Gebäude für die Flüchtlinge haben sie ihrem Projekt den Titel Warteräume gegeben.
Der Ausstellungsmacher, Filmemacher und MOLE-Redakteur Gander und der Architekturfotograf Wett führen ihre visuelle Recherche mit der Annahme durch, dass Räume das Verhalten und Zusammenleben ihrer BewohnerInnen prägen können. Inwiefern das für die Tiroler Flüchtlingsheime und die Menschen darin zutrifft, wollen sie mit den Medien Fotografie und Video nachvollziehen.
Gander und Wett zeigen die Flüchtlinge dabei in ihren Zimmern, in denen sofort der Eindruck der Enge entsteht. Denn die Bilder, die Foto- und Videoaufnahmen sind dominiert von Betten: Stockbetten, Doppelbetten, Couchbetten. Auf den Betten sitzend oder vor ihnen, wenn es eine andere Sitzmöglichkeit im Raum gibt, erzählen die Flüchtlinge von ihrer Vergangenheit, ihren Problemen und ihren Träumen.
Den beiden Künstlern ist es wichtig, keine voyeuristische Perspektive einzunehmen, weshalb die Fotos nur gemeinsam mit den Videos gezeigt werden sollen. In den Videos sind die Flüchtlinge die einzigen Personen, die zu Wort kommen, und das in großer Anzahl. Mehr als 50 Interviews haben Gander und Wett bis dato geführt – bis Projektende werden es weit über 90 sein –, bei denen sie immer die gleiche Kameraeinstellung verwenden. Die Kamera steht zentral und die Flüchtlinge blicken direkt in sie hinein. Die gleiche Perspektive soll helfen, strukturelle Ähnlichkeiten herauszustellen, und die gibt es.
Die Flüchtlinge beklagen sich kaum jemals über ihre Zimmer, das Essen oder kulturelle Unterschiede. Ihr Hauptproblem, das in fast allen Gesprächen betont wird, ist, dass sie nichts zu tun haben und nicht arbeiten dürfen. Sie wollen für sich selber sorgen, können aber nichts anderes machen als warten. Dieser Umstand zermürbt sie langsam.
Neben diesem generellen Problem arbeiten Gander und Wett auch heraus, wie unterschiedlich die „Warteräume“ strukturiert sind und das Leben der Wartenden beeinflussen. Das Flüchtlingsheim in Fieberbrunn etwa, ein ehemaliges Bergarbeiterwohnheim, nimmt den Flüchtlingen durch seine isolierte Lage –  auf 1.247m Seehöhe, acht Kilometer vom Ortskern entfernt –  und ihre Vollversorgung die Selbstbestimmung.
Anders in der ehemaligen Containersiedlung in Hall, wo es Kochmöglichkeiten, Treffpunkte und Rückzugsmöglichkeiten gab. Doch egal, wie die Einrichtungen beschaffen sind, in Warteräume wird auch sichtbar, wie die Flüchtlinge versuchen, sich die Räume anzueignen, mit Bildern, die sie aufhängen, Souvenirs aus der Heimat, Blumen oder Fotos. Sie versuchen, die Strukturen aufzubrechen, die ihnen die Räume vorgeben, und sich so zumindest temporär den Platz zu verschaffen, den ihnen die Gesellschaft nicht so einfach zugestehen will.
Gander und Wett planen ihr Ausstellungsprojekt  Warteräume nächstes Jahr auf eine Wanderausstellung zu schicken, zurück in die Gemeinden, in denen sie ihr Material aufgenommen haben. In ähnlichen Containern wie jene, in denen manche AsylwerberInnen untergebracht sind, soll Warteräume an zentralen öffentlichen Plätzen präsentiert werden, polarisieren und zur Bewusstseinsbildung beitragen. Bis es soweit ist, gibt es von 8. bis 15. November 2013 einen Prozesseinblick im Rahmen der Premierentage und am 14. November eine Diskussionsveranstaltung in der Taxisgalerie zu Flüchtlingsunterkünften und ihrer Darstellbarkeit. Dass auch die porträtierten AsylwerberInnen die Ausstellung sehen können, kann man nur hoffen.


INFO

Ausstellung
WARTERÄUME. Ein Prozesseinblick
Ausstellungsdauer: 8.-15.11.2013
Eröffnung:
Do 7.11.2013, 20:30 im Rahmen der Premierentage
Ort: open space, styleconception, Mentlgasse 12b
Mo-Sa, 10-19 Uhr
www.styleconception.com  |  www.premierentage.at

Diskussionsveranstaltung
Flüchtlingsunterkünfte und ihre Darstellbarkeit
mit Robert Gander, Christian Mariacher, Günter R. Wett
Do 14.11.2013, 19 Uhr
Ort: Galerie im Taxispalais, Maria-Theresien-Str. 45
www.galerieimtaxispalais.at