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MOLEcafé

D.U.D.A! Edlere Werte als die „Hoamat“

#13 2013 / Marian Wilhelm

Der Universalmusiker und vorbildliche Nestbeschmutzer Werner Pirchner kommt 2014 auf die Bühne zurück – genauer gesagt: auf die Leinwand. Das Filmporträt D.U.D.A! Werner Pirchner wagt einen vergnüglichen Blick auf die Tiroler Ausnahmefigur.

Doch wer ist Werner Pirchner? Diese Frage stellt Regisseur  Malte Ludin  zu Beginn seines Films den Fußgängern in Hall. Allzu viel Erfolg hat er dabei nicht, den meisten ist der berühmteste Musiker der Stadt unbekannt. Lediglich zwei auskunftsfreudige Zeitgenossen aus der Haller Kulturszene finden sich, wohl nicht ganz zufällig, und erzählen ihm von Pirchner.
„D.U.D.A! entsprang dem Wunsch, den Bekanntheitsgrad des ,Zappa aus Tirol‘ zu erweitern, ihm posthum noch meine Referenz zu erweisen und den Hut zu ziehen vor dem genialen Klangschmied“, schreibt Ludin zum Ausgangspunkt des D.U.D.A!-Projekts. Für Jüngere ist Werner Pirchner oft nur ein Name. Manch einer kennt noch sein Porträt an der Wand des Treibhaus-Kellers: Lässig mit der Zigarette im Mund erinnert es nicht nur an die Zeit vor dem Rauchverbot, sondern an die Anfänge der Tiroler Kulturszene in den 70ern des vorigen Jahrhunderts. Treibhausherr und Pirchnerfreund Norbert Pleifer ist einer jener Zeitzeugen, die im Film von der „bleiernen Zeit“ berichten: „Es war der Soundtrack von unserem jungen Rebellentum.“
Pirchner ist symptomatisch für den heutigen Bezug zu dieser Zeit: Wer generationenbedingt nicht dabei war, weiß oft wenig bis nichts – es scheint manchmal fast so, als ob die Erinnerung an die hart erkämpfte Freiheit und die Lebendigkeit innerhalb der kulturellen Enge von damals verdrängt wird.

Christian Berger gibt in D.U.D.A! Auskunft über all das. Zusammen mit Pirchner drehte er 1974 den für die Doku namensgebenden Kult-Kurzfilm Der Untergang des Alpenlandes, der zuletzt im vergangenen Jahr im Leokino zu sehen war. Berger meinte im MOLE-Interview dazu: „Das war das Ergebnis dieser Lust, sich von einem gewissen ,Heimatleid‘ zu befreien, einem Druck, gegen den ich gar nichts habe, denn wenn es keinen Druck gibt, wie soll man die Freiheit schätzen?“
Heimat? heißt auch ein Stück Pirchners und das Fragezeichen macht den Unterschied. Pirchner und seine Mitstreitenden konnten der „Hoamat“ im damaligen Tirol nicht entrinnen. Sie war aber zugleich auch ihr produktiver Reibebaum. „Wir ham ja in Tirol nicht viel mehr Wahl gehabt als zwischen militanten Katholen und Ex-Nazis – und da war der Werner a super Figur“, bringt es Berger im Film auf den Punkt.

Heutzutage ist dieser Druck für viele zwar nicht mehr spürbar, die Heimattümelei ist aber immer noch da. Als Traditionsbewusstsein deklarierte Kontinuitäten und patriotischer Provinzialismus hingen und hängen der Volkskultur immer noch nach. Der produktive Widerstand scheint jedoch uninteressanter geworden zu sein. Erst kürzlich meinte der Komponist  Johannes Maria Staud, im Kontext der Aufarbeitung der Tiroler NS-Musikgeschichte: „Gerade heute ist es wohltuend, Werner Pirchners erfrischend antipatriotisches Halbes Doppelalbum wieder zu hören … Pirchner liest dem ,aufrechten‘, verlogen-katholischen, groben und intoleranten Tiroler ... mit beißender Ironie gehörig die Leviten.“ So etwa im Pastoral-Rap Mein Gewissen erlaubt mir nicht ... oder in einem Walter Krajnc gewidmeten Stück mit dem Titel Anstatt eines Denkmals für den Bruder meines Lehrers, der im Krieg, weil er sich weigerte, Geiseln zu erschießen, ermordet wurde.

Auch Regisseur Malte Ludin hatte sich schon in seiner Doku 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß für den Umgang mit den blinden Flecken einer problematischen Vergangenheit interessiert. Es geht darin um seine eigene Familie und seinen Vater, den NS-Kriegsverbrecher Hanns Ludin. Der Film war 2005 immerhin im Programm der Berlinale vertreten und verwendet Musik von Werner Pirchner: „Der Tiroler ‚Nestbeschmutzer‘ erwies dem deutschen Pendant einen unschätzbaren Dienst“, meinte Malte Ludin. Pirchner, der seine Kindheitserinnerungen an die Kriegszeit in Hall selbst eindrucksvoll geschildert hat, bemerkte zu dieser Zeit einmal lapidar: „I moan, de Leit, de gsagt ham, sie ham alle nix gwusst, I woas nit, was mit de los is.“

In D.U.D.A! fokussiert Ludin sein Porträt aber doch mehr auf den Musiker Werner Pirchner. Natürlich war die Musik bei Pirchner immer mit dem Politischen verbunden. Oft wurde sie als „Neue Volksmusik“ oder „kritische Heimatmusik“ apostrophiert. Frei nach seinem Motto „Wenn’d nit lachen kannsch, dann kannsch di irgendwie sofort eingrabn“ spielt aber auch Humor in Pirchners Stücken eine große Rolle.
Das beweisen auch die vielen Hörbeispiele in D.U.D.A!

Selten ist Musik so witzig ohne nur witzig zu sein. Allein das Lesen der Songtitel auf seinem Halben Doppelalbum ist eine Freude.
Doch Werner Pirchner war mehr als ein kritisch-anarchischer Spaßvogel: Zunächst als Jazz-Musiker international erfolgreich, wurde er als Autodidakt zum beachteten Komponisten – immer im Spagat zwischen E- und U-Musik. Die unverwechselbaren Ö1-Signations stammen ebenfalls von ihm und machen ihn damit zum meistgespielten Komponisten des Senders. Und Jean-Luc Godard ließ sich – man mag es kaum glauben – von der Musik des Tirolers zum Film Nouvelle Vague inspirieren.
Malte Ludin gibt in seiner Musikdoku viele Hörbeispiele aus dem „PWV“ (Pirchner Werkverzeichnis): „Mir wurde klar, wie viel Kraft, Kühnheit, Witz und Tiefe in Pirchners Kompositionen steckt. Werner Pirchner ist für mich das seltene Beispiel eines Menschen, der sich seine Autonomie als Künstler erkämpft und sie radikal verteidigt hat.“

Gefördert wurde das Filmprojekt neben dem ORF, dem Österreichischen Filminstitut und Filmstandort Austria auch vom Land Tirol. Es ist die erste Langproduktion der Tiroler Wildruf Film, die D.U.D.A! auch mit zusätzlichen Eigenmitteln auf die Beine stellte. Bisher vorwiegend auf Werbefilm und Design spezialisiert, will Wildruf in Zukunft weitere größere Filmprojekte hierzulande produzieren. Die in Volders beheimatete Firma bringt damit, abseits der von Wien oder Bollywood aus produzierten geförderten Projekte, nicht nur inhaltlich frischen Wind ins „Filmland Tirol“.

D.U.D.A! stellt Pirchner nicht auf ein Podest. Dort würde er auch gar nicht hinpassen. Der Berliner Malte Ludin stellt Pirchner als überaus interessanten Zeitgenossen vor und bringt ihn als Beispiel für einen lebendigen, modernen Heimatbezug zurück in die Gegenwart, auch als Beispiel für einen lebendigen, modernen Bezug zu Tirol. Dabei wird die Person um Werner Pirchner nicht nur von seiner Frau Elfriede und weiteren WegbegleiterInnen, sondern auch von jenen kommentiert, die nichts mit ihm anzufangen wissen. So wie die Schützenkompanie, die Malte Ludin um einen Wirtshaustisch versammelt und die unisono meint, die „Volksmusik“ dieses „schrägen Typen“ sei nichts für sie.
Werner Pirchner ist also immer noch ein „Stachel im Fleisch“ des auch heute noch offiziell hochgehaltenen Bekenntnisses zu Brauchtum, Tradition und den „alten Werten“.
„In dem Bestreben edlere Werte als ,Hoamat‘, ,Scholle‘ und ,Vaterland‘ zu besingen“ legte Werner Pirchner 1974 seine eigene Spaßversion von Tirol isch lei oans vor – eine bittere Ironie angesichts der Tatsache, dass zum 40-Jahr-Jubiläum des Halben Doppelalbums noch immer 2.000 Euro Strafe darauf stehen, die Andreas-Hofer-Landeshymne „unter Begleitumständen zu spielen oder zu singen, die nach allgemeinem Empfinden die ihr gebührende Achtung verletzen.“