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SchülerInnen auf der Suche nach historischen Spuren der Migration in Hall

Migration nach Hall kann auf eine lange Tradition zurückblicken: Durch Saline, Bergbau und Handel, Firmen wie das Haller Textilwerk und das Röhrenwerk oder große Bauunternehmen stellt Arbeitsmigration in Hall keine neue Entwicklung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar. Die gezielte Anwerbepolitik der 1960er-Jahre verschaffte dem Phänomen jedoch eine neue Dimension und veränderte das Kollektiv der MigrantInnen, die nun hauptsächlich aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei kamen.

Migration nach Hall kann auf eine lange Tradition zurückblicken: Durch Saline, Bergbau und Handel, Firmen wie das Haller Textilwerk und das Röhrenwerk oder große Bauunternehmen stellt Arbeitsmigration in Hall keine neue Entwicklung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar. Die gezielte Anwerbepolitik der 1960er-Jahre verschaffte dem Phänomen jedoch eine neue Dimension und veränderte das Kollektiv der MigrantInnen, die nun hauptsächlich aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei kamen.
Diese Migrationsgeschichten sind heute im lokalen Leben der Stadt omnipräsent und doch nicht sichtbar, sie wurden noch nie erzählt. Seit September 2012 forschen deshalb SchülerInnen der NMS Rum, der HAK Hall sowie des Franziskanergymnasiums Hall gemeinsam mit WissenschaftlerInnen des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck, dem Stadtmuseum und Stadtarchiv Hall und vielfältigen anderen Kooperationspartnern zur Migrationsgeschichte von Hall. Es werden historische Spuren verfolgt, Quellen recherchiert und Menschen befragt, um diese Geschichte erstmalig schreiben zu können. Mit Hilfe einer Ausstellung werden die Forschungsergebnisse des BMWF/„Sparkling Science“-Projekts Spurensuche: Hall in Bewegung. Feldforschung und Ausstellung zur Arbeitsmigration in Hall und Umgebung (1960er Jahre bis heute) im Herbst 2014 einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert.
(Verena Sauerman, Veronika Settele)


4a HAK Hall

Am Ende bekommt man selten das, was man am Anfang erwartet

Im November 2012 starteten wir das Projekt und wollten mehr über Menschen erfahren, die ab 1960 nach Hall gekommen sind. In kleinen Gruppen stellten wir persönliche Gegenstände zum Thema Migration vor. Einer war ein Deutsch-Bosnisches Wörterbuch, das eine bosnische Familie von ihren neuen Tiroler NachbarInnen als Willkommensgeschenk erhielt.
Mit einem Stadtrundgang wurde das Feld erweitert: Unsere Spurensuche führte uns durch Hall, wo wir viel über das damalige Leben der „GastarbeiterInnen“ lernten. In der Salvatorgasse informierten uns Matthias Breit und Wolfgang Reismann über problematische Wohnverhältnisse.
Bei der Besichtigung der Röhrenwerke in Hall erfuhren wir von den schwierigen Arbeitsbedingungen, welche die ArbeiterInnen früher erdulden mussten. Unter anderem trugen sie keine Schutzkleidung, obwohl sie vielen Gefahren ausgesetzt waren. Der Betriebsratsvorsitzende Armin Eberl, der uns begleitete, erzählte uns von den Problemen, die im Zusammenhang mit den Jugoslawienkriegen im Betrieb entstanden und wie diese gelöst wurden. Die zwei Zeitzeugen, Ante Blatancic und Ayhan Karagüzel, ermöglichten uns einen noch besseren Einblick in den damaligen Arbeitsalltag und erzählten uns, warum sie nach Österreich gekommen waren.
Im Gemeindemuseum Absam erklärten uns die Experten Robert Gander und Matthias Breit die Grundlagen des perfekten Interviews und den sinnvollen Aufbau einer Ausstellung. Für die weitere Informationsbeschaffung teilten wir uns in kleine Gruppen auf und suchten nach Spuren zu einem speziellen Thema der Migrationsgeschichte von Hall. Ein Team versuchte, Interviews im Alters- sowie im Flüchtlingsheim zu führen. Die SchülerInnen hatten leider nicht viel Glück mit ihren InterviewpartnerInnen und stellten fest, dass es nicht einfach ist, die richtigen Kontaktpersonen zu finden. Eine weitere Gruppe besuchte die Betriebsräte der Firma Wedl in Mils, Kadir Solmaz und Mustafa Ekenler. Sie berichteten über damalige Schwierigkeiten im Betrieb und über die Notwendigkeit eines Betriebsrates, welcher sich für die Rechte und Pflichten der „GastarbeiterInnen“ einsetzte.
Das Projekt zeigt, dass man am Ende selten das bekommt, was man sich am Anfang erwartet. Ein gutes Beispiel hierfür ist die ursprüngliche Idee, die Ausstellung in einem Bus zu veranstalten. Diese musste jedoch aus logistischen Gründen verworfen werden. Die Raumfrage ist leider immer noch nicht endgültig geklärt.
Da Forschung als Dialog funktioniert, ist es oft schwierig, die gewünschten Informationen aufzutreiben. Erst mit der Zeit lernten wir: Ohne gegenseitiges Interesse kommen keine brauchbaren Ergebnisse zustande.
                        
Die Klasse 4a der HAK Hall: Aycan Akgün, Büsra Alkan, Rukije Baltaci, Martina Brugger, Andreas Esterhammer, Mathias Federspiel, Lisa Flock, Nadja Gencic, Erna Isakovic, Sabrina Lindner, Thomas Millen, Anna Mühlburger, Romeo Novic, Florian Plunser, Edin Spahic, Sara Stefanovic, Christopher Stöger, Valentina Stojanovic. Ilse Gallister (Lehrerin)


3b NMS Rum

Gordana erzählt

Gordana Delic ist eine Reinigungskraft an der Neuen Mittelschule Rum. Wir sehen sie jeden Tag und mögen sie sehr gerne. Wir wünschen ihr für die Pension viel Glück.

Seit wann sind Sie in Rum und was haben Sie gearbeitet?
Gordana Delic: Ich bin seit 1980 in Rum und seit 1974 in Österreich. Ich war 17 Jahre im Rumer Hof. Ich bin danach ins Studentenheim und gleichzeitig zur Gemeinde Rum gekommen, wo ich nun seit 13 Jahren beschäftigt bin.

Wie geht es Ihnen in Rum?
Ich habe außer meiner Familie nur österreichische Freunde. Als ich in schweren Zeiten war, war ich froh, dass ich diese Freunde hatte.

Sie wuchsen im ehemaligen Jugoslawien auf. Wie war es dort mit Ihrer Familie?
Ich habe 15 Geschwister, neun davon leben noch. Meine älteste Schwester hat mich nach Österreich geholt. Mein Papa war sehr streng und ich bin in ärmeren Verhältnissen aufgewachsen. Mein Schulweg war sechs Kilometer lang, den musste ich zu Fuß zurücklegen und wenn ich fünf Minuten zu spät nach Hause gekommen bin, hat mein Vater mich geschlagen. Deswegen wollte ich weg von zu Hause.

Wo sind Ihre Geschwister?
Ich habe fast alle meine Geschwister nach Österreich geholt. Bis auf eine Schwester, die lebt in Schweden. Ein Bruder und eine Schwester arbeiten noch beim Rumer Hof.

Wie war die erste Reise nach Österreich?

Mit 19 kam ich mit dem Zug nach Österreich, ohne dass ich Deutsch konnte. Ich habe dauernd den Schaffner gefragt, ob wir schon in Innsbruck sind. Ich bin ohne Koffer gekommen. Ich musste jeden Abend meine Wäsche waschen, um für die Arbeit saubere Kleidung zu haben. Ich konnte nur bis neun zählen, deswegen habe ich, wenn mich jemand gefragt hat, wie alt ich bin, neun gesagt, obwohl ich 19 war. Ich verstand nicht, warum alle lachten.

Erzählen Sie von Ihrer Jugend …
Wir durften nicht ausgehen, außer jeden Sonntag in die Kirche. Mein Vater wollte nicht, dass ich weiter zur Schule gehe. Ich war aber eine gute Schülerin. Wenn ich putze, dann macht mich das oft wütend, weil ich einen besseren Job haben könnte. Trotzdem habe ich meinem Vater verziehen. Er ist leider schon gestorben.

Das Interview führte die Klasse 3b der NMS Rum: Michelle Aichner, Emre Akdag, Luca Bartl, Mario Bernardi, Umar Bersaev, Kadischa Bersaeva, Daria Froschhammer, Leon Hell, Noah Hölbling, Jonas Innerhofer, Rosa Innerhofer, Chiara Jures, Julia Kirschner, Fabian Permoser, Lukas Ploner, Michelle Prantl, Sabera Ramazani, Jonas Schöllenberger, Anna Steilner, Mike Tomann, Fabian Walder. Monika Köck (Lehrerin), Gerd Jenewein (Direktor)


... und wo trinken Sie Ihren Kaffee?

Am 7. März 2014 werden die HallerInnen mit der unsichtbaren, aber omnipräsenten Geschichte von Migration in ihrer Stadt konfrontiert. Ab 11 Uhr sind bei der Eisdiele Kasenbacher (Unterer Stadtplatz 4), einem für die Geschichte der sogenannten „Gastarbeitermigration“ bedeutsamen Ort, bisherige Rechercheergebnisse zu sehen. Gleichzeitig sind alle HallerInnen eingeladen, ihre eigenen Erfahrungen und Geschichten zu teilen.