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Neue Literatur für Ohren, Hirn, Leber und Herz

 

 

Es tut sich was in der (west-)österreichischen Nachwuchs-Literaturszene: Mieze Medusa, Markus Köhle und Robert Prosser verschieben mit ihren neuen Veröffentlichungen die Grenzen der Poesie über Medien- und starre Formgrenzen. Zwei Lektüreempfehlungen nebst kontextuellen Gedanken.

„Das Buch zu xy...“

 



Der Begriff „Literatur“ wird nicht immer schon, aber schon in etwa seit 2000 Jahren in Europa fast als Synonym für „schriftliche, zum leisen Lesen bestimmte Literatur“ verwendet – und in der (Digitalität sei Dank mittlerweile bröckelnden) Gutenberg-Galaxis als Synonym für „in Büchern gedruckte Literatur“. Und doch gab und gibt es Formen der Textkunst, die die Grenzen eines Buches nicht kennt, deren formale Konzeption über die Abgeschlossenheit eines Buches hinausreicht und/oder die zum Beispiel nur für den Moment eines Vortrags zur Existenz kommt.
Deren eine ist Slam Poetry, ein Genre, oder eher eine noch junge (literarische?) Subkultur, die im deutschsprachigen Raum gerade erwachsen wird (oder pubertiert?). Und mit eben diesem Aufstieg der Poetry-Slam-Szene in der allgemeinen Aufmerksamkeit ist auch das Poetry-Slam-Buch fast schon zum Subgenre der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur geworden, vielfach ohne Reflexionen zum Medienwechsel anzustellen, den Slam Poetry in Buchform von ihrem natürlichen Aggregatszustand aus erfährt.

 

 


Die als Frage getarnte Kritik daran würde lauten: Warum braucht es eigentlich das Buch zum Slam, der ja eben vom mündlichen Vortrag und der direkten Interaktion mit dem Publikum lebt? Die erste, und so zynische wie banale Antwort ist leider: Slam-Bücher müssen sein, damit die SlammerInnen auf Tour was zu verchecken haben, was sie leider brauchen, denn immer nur für Fahrtkosten und Freibier arbeiten geht irgendwann auch ins Geld. Das ist natürlich recht eigentlich Quatsch, weil Slam-Texte zuerst einmal für den Vortrag (und nicht um gedruckt zu werden) geschrieben werden und sich zuerst in der so exzessiven wie extensiven Rezeption der Live-Situation bewähren sollen und nicht zuhause beim intensiven Schmökern im Ohrensessel. Es ist aber weder die Schuld von Poetry Slam, noch der SlammerInnen, dass sie in dieser Gesellschaft eine Ware brauchen, die Buchform hat (bzw. ein Buch, das Warenform hat), um Kohle daraus machen zu können. Außerdem gibt es, wie wir noch sehen werden, Slam-Bücher, die noch weitaus bessere Gründe für ihre Existenz darstellen.


Dabei wäre noch gar nicht ausgemacht, ob Slam jetzt eigentlich gesprochene Literatur ist oder HipHop oder Comedy oder Kabarett oder alles ein bisschen oder vielmehr eine Kunstform sui generis. Und tatsächlich sind (paradoxer- und logischerweise) häufig die (nach unmaßgeblicher Meinung des Autors) interessantesten SlammerInnen gerade jene, die Poetry Slam nicht als einzigen Lebensinhalt sehen (wogegen natürlich per se nichts spricht und was auch sehr ergätzliche Slam Poetry zeitigt), sondern als Experimentierfeld, als Vehikel für ihr eigenes Ding, oder ihre eigenen Dinger.

Nimm zwei
 

textpresso cover


Eben dies ist Mieze Medusa und Markus Köhle zu unterstellen. Beide zählen unbestreitbar zu den interessantesten und ebenso sicher auch zu den besten SlammerInnen des deutschen Sprachraums und nicht zuletzt zu den Gründungseltern von Poetry Slam in Österreich. Beide betreiben neben ihren Slam-Karrieren auch noch literarische (Köhle) bzw. musikalische (Medusa) bzw. beides (Medusa) Ambitionen und dies merkt man deren gemeinsamer Slam Poetry-Sammlung „Doppelter Textpresso“ im besten Sinne an.


Die dort versammelten Texte sind eben das entscheidende bisschen komplex und süffig genug, um sich sowohl gesprochen als auch leise gelesen zu erschließen, was den oben entworfenen Generaleinwand gegen Slam Poetry in Buchform schon mal entkräftet und den doppelten Textpresso von den in der Sache unmotivierten Slam-Büchern um Lichtjahre entfernt. Medusa und Köhle können den Zynikern antworten: Wir haben drüber nachgedacht, wir haben nicht einfach lieblos unsere am besten ankommenden Slam-Texte zusammen zwischen Buchdeckel gepackt, sondern schlicht gute Texte zusammengestellt, die in jedem Medium bestehen können.

Wer die beiden von ihren zahlreichen Auftritten her kennt, hört schon beim ersten Lesen ihre unverwechselbaren Text-Stimmen, für die übrigen haben Medusa und Köhle überdies eine CD mit der Live-Aufnahme einer Slam-Poetry-Lesung der Zwei im Literaturhaus Wien (dazu gleich mehr) beigelegt.


Wie bereits angedeutet, eignen sich Medusas wie Köhle Texte wohl vor allem deshalb für die Verbuchisierung, weil sie die nur auf schnelle Unterhaltung abzielenden immer gleichen Standard-Poetry-Slam-Texte ohnehin meilenweit hinter sich lassen. Vielfalt ist Trumpf: Lyrik und Prosa und alles dazuwischen, Sprachspiel und Messages sowie immer neue Ideen, die 5-min-Form zu füllen und/oder brechen brechen hier auf die LeserIn herein. Beider Stärken kommen mustergültig zur Ausprägung: Köhle'sche Kofferwörter, Medusaesker Flow (und sogar vice versa). Die Texte sind wohl eher nicht einer „Ästhetik der schnellen Ausführung“ verpflichtet, derzufolge nämlich“die Eleganz der Dringlichkeit geopfert“ werden würde -Das Gegenteil ist der Fall bzw. Eleganz gibt der Dringlichkeit High Five.


Politische Messages kommen nicht holzhammerzaunpfahlmäßig daher, sondern so deutlich und punktiert, dass nicht langweilige Abnick-Aussagen für die ohnehin bereits Bekehrten geliefert werden (goog old „preaching to the choir“-Phänomen), sondern souverän selbstreflexive Stellung bezogen wird gegen den ganzen Mist, gegen prekäre Arbeitsbedingungen von KünstlerInnen (da war doch hier auch schon die Rede davon) in Österreich und überhaupt, gegen Burschenschafts-Nationalratspräsidenten und gegen die Augenauswischerei von angeblich das Klima schonenden Maßnähmenchen, wenn anderswo dann doch wieder geplundert wird.


Dazwischen finden sich so umgangs- wie kunstsprachliche Redeapologien, keinefalls zu Credibilityverlust führende Vorstellungsgespräche, Warnung vor Rahmenbedingungsverschleicherung qua Wachstumsgrenzzwischenfällen, acht Möglichkeiten ohne sonderliche Anmut seine Würde zu verlieren (oder so), Thekentalk unter würdevollen Rüben, sehr viele sehr schöne erfolglose und -reiche Liebes- und Lustgedichte (mein Favorit: „Beziehungscrossfader“), Wünsche ans Christkind oder das Publikum („Gib mir Definitionsmacht!“), ein Gerstensaftklassiker, Zettel zwischen Souveräni-und Nervosität und Shareware und ganz generell sehr viel über Theken, Würde und Beziehungen. Und Sprache.


Und nicht zuletzt ist eine Audio-CD beigelegt, die zwar die Live-Situation nicht ganz ersetzen, aber den Vortrag nachvollziehbar machen lassen kann. Oder was heißt „nachvollziehbar machen“ - die beim Hören so großen Spaß bereitet, die Miezes Flow und Markus' Witz so gut transportiert, dass mit einigem Fug und Recht auch behauptet werden könnte, der CD ist das Buch beigelegt und nicht dem Buch die CD. Wer es dann jedenfalls noch genauer wissen will, muss sich halt zum nächsten Slam begeben. Und wer es danach noch genauer wissen will, greife wieder zu Doppelter Textpresso und lese noch einmal nach, was da in fünf Minuten fünfzehn so alles auf sie/ihn hereinbrach.

Flüssiges Virus

strom coverEinen ganz anderen und doch auch überzeugenden Weg geht mittlerweile der ebenfalls bei Poetry Slams seine ersten Sporen verdient habende Robert Prosser mit seinem Buchdebüt „Strom“.

Dessen zwischen Lyrik und Prosa mäanderndes Schreiben ist und war schon immer sowohl für den Vortrag (an dieser Stelle sind Prossers HipHop-Wurzeln wohl hervorzuheben) als auch für den gedruckten Text konzipiert, wobei Prossers im besten Sinn des Wortes spezielle Erzählstimme in beiden Medien weniger dem unmittelbaren Verstehen des Publikums als dem Erschließen tieferer Sinnschichten im Sprachbergwerk diente und dient. Dass so einer Buch- und Genrenormen auflöst und eben nicht (wie es doch gerade Mode ist) linear erzählt, sondern flächig, wellig, lyrisch, malerisch wie ein Graffito, sollte niemanden überraschen. Dass das aber dann noch einen spannenden Kohärenz- und Kohäsions-Sog entwickelt, der die LeserIn „Strom“ nicht eher aus der Hand legen lässt, bevor sie es „durch hat“ (wenn man so etwas von Strom überhaupt sagen kann).


„Ausufernde Prosa“ ist eine passende Genre-Bezeichnung für seinen Erstling „Strom“, denn Sprache ist hier eben nicht nur, wie ein Vorbild zitiert wird, ein Virus aus dem All, sondern flüssig. Das Publikum der Innsbrucker Lesebühne „Text ohne Reiter“kennt bereits vom Vortrag, was hier in der schriftlichen Form seine Spitzenamplitude erreicht (bzw. kann endlich nachlesen, was es bei „Text ohne Reiter“ nicht verstanden hat): Der Gedanken-, Wahrnehmungs- und Sprachstrom tritt sogar über die Ufer der Syntax, spült lyrische Prosa an und erzeugt so einen flow, der über Abschnitte und Kapitel hinweg auf extrem reflektierte und artifizielle Weise den Eindruck größter Unmittelbarkeit erzeugt.


Prosser findet so in seinem Debüt zu einer eigenständigen, so noch nicht gehörten Stimme, die wohl informiert über Beat-Literatur, HipHop und die österreichische Avantgarde- und Anti-Heimatroman-Tradition die Frage stellt, wie aus Leben Text zu machen sei. Souverän verknüpfen sich drei Zeitebenen (Jugend im Tiroler Bergdorf, Adoleszenz in Großstadt und auf Weltreise und Niederschrift) zu einem sperrigen, wuchtigen und doch organisch bewegten Ganzen, in dem u.a. Graffiti, Drogen, Katholizismus, Sex und indische Totenverbrennungen Platz finden. Und dann geht der ganze Irrsinn, die (im Übrigen auf eine Trilogie angelegte) Text-Tollwut schon wieder von vorne los.

Mieze Medusa und Markus Köhle: Doppelter Textpresso (Milena) mit Audio-CD
 

Robert Prosser – Strom. Ausufernde Prosa (Klever)

Über Live-Auftritte der KünstlerInnen informieren Gebrauchsinformation, Arzt oder deren Websites: Mieze Medusa, Markus Köhle und Robert Prosser.

 

(Dieser Text erschien ursprünglich in  diogenes #70.)

 



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