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Frust statt Lust der heimischen Neuen Musik

Zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten haben es in Tirol immer schwerer, weil die Möglichkeiten für Uraufführungen neuer Musik schleichend abnehmen.

Das liegt aber keinesfalls am mangelnden Publikumszuspruch. Im Gegenteil: Es wird so viel Musik gehört wie wohl noch in keiner Epoche zuvor: Wer viel hört, möchte noch mehr kennen lernen. Und sobald man sich von den pubertären Vorurteilen befreit hat, die Klassik sei »uncool«, und sich vorurteilsfrei auf sie einlässt, zeigt sich oft große bis größte Begeisterung. Das trifft auch auf jene zu, die nicht zu denen gehören, die von Kindheit an ein Musikinstrument erlernen durften. Keine Musikbranche hätte so großen Wachstumspotenzial an jungen Kunden wie die Klassik. Das trifft auf alle Epochen gleichermaßen zu, von Alter Musik bis zur zeitgenössischen.

Die Veranstalter versagen in der Regel nur, sich neue Zielgruppen zu erschließen. Exemplarisch ist das im Juni dem letzten Sinfoniekonzert vor der Sommerpause widerfahren: Der Saal war kaum gefüllt, obwohl von Philip Glass und Ravi Shankar „Passages for Saxophone Quartet and Strings“ auf dem Programm stand. Mit nur ein bisschen zielgruppenspezifischer Werbung an Schulen oder Universität muss bei einem solchen Programm der Saal leicht voll zu bekommen sein. Wie einfach das auch bei bedeutend weniger reißerischem Programm ohne großen Aufwand geht, hat das erste Kammerkonzert dieser Saison vorgemacht, als es vom Konservatoriumssaal in den viel größeren Saal Innsbruck im Congress verlegt werden musste.

 

Die Neue Musik hat es viel mehr deshalb bei uns schwer, weil ihr immer mehr die Institutionen abhanden kommen, innerhalb derer die Musik aufgeführt werden kann.

 

In einer früheren Ära, als der größte heimische Klangkörper noch nicht in eine GmbH übergeführt und in „Tiroler Landessinfonieorchester Innsbruck“ umbenannt war, hatten sich wiederholt Uraufführungen im Rahmen der städtischen Sinfoniekonzerte ereignet. Seit Jahren aber finden solche höchstens einmal im Rahmen der Klangspuren statt. Georg Fritzsch hat anlässlich seines ersten Konzerts als neuer Chefdirigent diesen Missstand in einem Interview mit der Tiroler Tageszeitung angeprangert. Wer weiß aber, ob sich dies künftig bessern wird, währt doch sein Vertrag nur für die Dauer von zwei Spielzeiten, wovon er mehr im Theater tätig sein und bloß drei Sinfoniekonzerte in der Saison dirigieren wird. Aber auch als Übergangsdirigent – vielleicht sogar gerade deshalb – hätte er die Chance, hier entscheidende Weichen zu stellen. Hoffentlich versäumt Fritzsch es nicht, dies auch zu tun.

 

Ganz schlimm wird es sich auswirken, das nun auch noch die Abteilung für Ernste Musik beim ORF ersatzlos geschlossen werden wird. Das ist höchst peinlich für unser kulturelles Erbe, ist doch in den 1970er Jahren Innsbruck mit der maßgeblichen Konzertreihe „Musik im Studio“ in Österreich geradezu Pionier in Sachen zeitgenössischer Musik gewesen. Den verantwortlichen Politikern scheint es gleichgültig zu sein, dass im Allgemeinen der ORF seinen Bildungsauftrag (auch) in diesem Bereich nicht gerecht wird und im Besonderen damit für Tonsetzer die wichtigste Möglichkeit wegbricht, sich über die Konzertsaalgrenzen hinaus Gehör verschaffen zu können.

 

Die Galerie St. Barbara konnte früher einmal sogar Skandale mit ihrem Einsatz für die zeitgenössische Musik hervorrufen – heute kaum mehr vorstellbar. Ihr Konzept aber war es seit je, sich der Welt zu öffnen und vor allem mit Musik jenseits unserer Berge etwas frischen Wind in die Täler zu blasen. Damit tragen sie zumindest indirekt zur heimischen Musik bei: Solche Höreindrücke üben stets eine Einfluss aus und können zur Auseinandersetzung anregen. Eine Institution für heimische Neue Musik ist die Galerie St. Barbara jedenfalls derzeit nicht. Künftig scheint es in Hall vermehrt auch um die Pflege der elektroakustischen Tradition zu gehen, etwas, das bei der Avantgarde Tirol, die sich solche Musik auf ihre Fahne geschrieben hat, zu kurz kommt.

 

Dank der Breitenwirkung der Klangspuren denken womöglich viele, Tirol gelte heute fast als Hochburg der Neuen Musik. Davon kann aber keine Rede sein, scheint doch in Schwaz die Tendenz deutlich zu werden, vermehrt immer mehr bloß Neutöner aufzuführen, die hauptsächlich im engeren oder weiteren Umkreis der Tradition der Darmstädter Schule angesiedelt sind. Diese Strömung repräsentiert natürlich nicht mehr als bloß eine kleine – wenn auch öffentlich eher dominierende – Bandbreite der stilistisch möglichen Ausrichtungen. Speziell Tiroler Komponisten der tonalen Tradition mit Interesse an motivischer Arbeit haben es in Schwaz notorisch schwer. Vor allem aber ist das Engagement der Klangspuren auf die kurze Festspielzeit im Jahr beschränkt.

 

So bleibt die Arbeit für fruchtbares kulturelles Gedeihen in immer stärkerem Ausmaß an den einzelnen, kleinen Vereinen hängen. Maßgeblich ist hier die Akademie St. Blasius, das Tiroler Ensemble für neue Musik TENM sowie der Verein InnStrumenti zu nennen. Zu fruchtbarer Zusammenarbeit kommt es auch immer wieder mit den Tiroler Landesmuseen, die neuerdings auch eine CD-Reihe unter dem Namen „Musikmuseum“ herausgeben. Inzwischen ist auch mit vereinzelten Projekten der Verein "Kraftfeld Neue Musik" tätigt, der die Tiroler Sektion des Österreichischen Komponistenbundes verkörpert.

 

Die Neue Musik sieht sich, wie alle anderen Kulturschaffenden auch, mit der Ansage konfrontiert „Es gibt kein Geld für Neues“. Weil ihr aber die wesentlichen Institutionen abhanden gekommen sind, ist es um sie noch schlechter bestellt als um viele ihre Mitstreiter anderer Künste für ein kulturell lebenswertes Tirol. Es gehörte dringend diskutiert, wie dieser Missstand kompensiert werden kann.

 



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